Auf der Planke – „Die Ermordung Margaret Thatchers“ von Hilary Mantel {Rezension}

Lange bevor sonst jemand aufwachte, setzte ich meine Stiefel auf den glitschigen, nassen Bürgersteig und wanderte Kilometer um Kilometer an rau verputzten, geschwärzten Doppelhäusern entlang. Hier hatten die Mülltonnen Räder, dafür waren die Autos auf Ziegeln aufgebockt.

Seite 93

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Was für ein Vergnügen ist es gewesen,

dieses Buch zu lesen!

Worte und Bilder im Kopf perfekt arrangiert!

gar selten habe ich mich so sehr geziert,

nach beendetem Kapitel es zur Seite zu legen!

Diese Sammlung von Kurzgeschichten aus der Feder „der Großmeisterin des historischen Romans“ (Dumont Verlag) hat meinem Leserherz wirklich alles geboten, was es begehrt.  Von nachdenklichen Tönen, sozialkritische Themen über hintergründigen Humor bis hin zu echten Gruselmomenten. Das alles verpackt die Autorin in wundervolle Formulierungen (hier sicherlich auch ein dickes Lob an den Übersetzer!), dass ich oft mit wohliger Gänsehaut reagiert habe.

 

Wenn Du endlich nach drinnen gerufen wurdest, setztest Du dich unter die Lampe und zupftest die sonnenverbrannte Haut in Kräuseln und Streifen herunter. Tief in deinen Gliedern rührte ein dumpfes Gefühl von Gebratenwerden, aber dass du dich schältest wie ein Stück Gemüse, spürtest du nicht.

Seite 36

Schon beim schreiben dieser zwei Sätze habe ich wieder Gänsehaut! So wundervoll und dabei das Gefühl absolut treffend formuliert. Selbst jetzt im Winter spüre ich die sonnenverbrannte Haut.

Selten konnte ich der Beschreibung des Verlages so sehr zustimmen wie in diesem Fall:

Meisterliche Erzählungen von Englands größter Schriftstellerin

Ein Unfall mit tödlichem Ausgang. Ein geheimnisvolles Satzzeichen. Ein aufdringlicher Besucher. Ein plötzlicher Herzstillstand. Es sind die unterschiedlichsten Dinge und Ereignisse, die Hilary Mantels Figuren aus der Lebensbahn werfen – mal für kurze Zeit, mal für immer. Gemein ist ihnen, dass sie tief ins Fleisch des Daseins schneiden. Mit einem untrüglichen Gespür für die Balance zwischen subtiler Andeutung und zielsicher gesetzten Schockeffekten entlarvt »die größte englische Schriftstellerin« (so die Jury des Booker-Preises) die Abgründe, über denen das Leben wie ein dünner Teppich liegt.
Diese hintersinnigen, pointiert und mit lakonischem Humor erzählten Storys sind der Beweis, dass die Großmeisterin des üppigen historischen Romans in der kurzen Form – und im Hier und Jetzt – nicht weniger heimisch ist. (Dumont Verlag)

Ich selber finde gerade Kurzgeschichten immer eine besondere Herausforderung für einen Autor, da er es schaffen muss, mir auf wenigen Seiten all das zu vermitteln, was ihm wichtig ist und er trotzdem nichts wesentliches vergessen darf. Hilary Mantel gelingt das für meine Begriffe in jeder dieser 10 Geschichten perfekt.

Das Buch auf der Planke
Ich muss gestehen, dass ich anfangs etwas skeptisch gewesen bin, da ich bei einer historischen Großmeisterin Zweifel gehabt habe, ob sie den Sprung auf das „Kleinformat“ schaffen und mich mit der Auseinandersetzung von zeitnahen Gedanken und Ereignissen begeistern kann. Desweitern muss ich zugeben, dass ich vorher von Hilary Mantel noch nichts gelesen habe. Nach diesem Buch muss ich nun wirklich einen Kniefall vor der Autorin machen, da sie mich nicht nur überzeugt, sondern absolut begeistert hat! Auf jeden Fall werde ich ihre Autobiografie „Von Geist und Geistern“ lesen, welche im Februar 2015 erscheinen wird. Und danach wage ich mich vielleicht auch mal an eines ihrer umfangreicheren Werke. 😉

Eine ganz klare Leseempfehlung von mir und natürlich darf das Buch die Planke Richtung Schiff wieder verlassen! Mehr noch…es darf einen Ehrenplatz in der literarischen Schatzkiste einnehmen!

Über die Autorin:

Hilary Mantel wurde 1952 in Glossop, England, geboren. Nach dem Jura-Studium in London war sie als Sozialarbeiterin tätig. Sie lebte fünf Jahre lang in Botswana und vier Jahre in Saudi-Arabien. Für den Roman ›Wölfe‹ (DuMont 2010) wurde sie 2009 mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Mit ›Falken‹, dem zweiten Band der Tudor-Trilogie, gewann Hilary Mantel 2012 den Booker bereits zum zweiten Mal. Die deutsche Übersetzung erschien im Frühjahr 2013 im DuMont Buchverlag, wo auch ihr Roman ›Brüder‹ (2012) und die Erzählungen ›Die Ermordung Margaret Thatchers‹ (2013) erschienen. (Dumont Verlag)

Hilary Mantel – Die Ermordung Margaret Thatchers  – erschienen beim Dumont Buchverlag am 10.09.2014 als Hardcoverausgabe mit 158 Seiten für 18,00 EUR erhältlich.

 

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3 Gedanken zu “Auf der Planke – „Die Ermordung Margaret Thatchers“ von Hilary Mantel {Rezension}

  1. Deine Vorstellung, lieber Chris, macht wieder einmal Lust. Ich habe „Brüder“ auf dem E-Reader und „Wölfe“ gelesen – absolut begeistert, weil sehr packend und in einer wunderbaren Sprache geschrieben. Ich steh nicht unbedingt auf Kurzgeschichten, trotz allem … überlegenswert. Danke dir!

    • Liebe Kristin,
      Es freut mich sehr, dass ich dich zumindest neugierig machen konnte 🙂 wie du es selber auch noch einmal sagst…besonders die wunderbare Sprache hat es mir sehr angetan.
      Danke für deine Rückmeldung!
      Liebe Grüße,
      Chris 🙂

  2. Die englische Version der Kurzgeschichtensammlung liegt seit gestern bei mir lesebereit auf dem Wohnzimmertisch. Freue mich schon darauf und nach deiner Rezension bin ich richtig neugierig geworden.

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