{Rezension} Michael Wildenhain – Das Lächeln der Alligatoren

Auch frühmorgens hat er sie beobachten wollen, vor Tagesanbruch. Vielleicht beim Duschen, beim Baden im Meer, während seine Mutter noch schläft und er sich ausrechnen kann, dass das Frühstück erst in einer Stunde von der Schwester des Vermieters aufgetragen wird, alte Schachtel.

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Was sich hier zu Beginn wie ein Szene aus einem Ferienabenteuer liest, unschuldig und pubertär, wurde letztlich keine leichte Kost und für mich im weiteren Verlauf zu einer echten Herausforderung. Ob mein Patenbuch trotzdem oder gerade deswegen den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 bekommen sollte, verrate ich Euch erst in meinem Fazit. 😉 Was das mit dem Patenbuch auf sich hat, könnt ihr in meinen News from the Deck #02 gerne nachlesen.

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Inhaltsangabe des Verlages:

Für Matthias ist Marta alles, seitdem er sie zum ersten Mal sah: seine größte Liebe und gleichzeitig seine schlimmste Feindin. Ein wichtiges Buch über Liebe, Familie und Verrat, das die Frage nach der Macht von politischen Überzeugungen und dem Sinn moralischen Handelns stellt.
Eher unfreiwillig verbringt Matthias seine Sommerferien auf Sylt. Er besucht seinen jüngeren Bruder, der dort in einem Heim lebt und mit niemandem spricht. Doch der Urlaub nimmt eine unerwartete Wendung, als Matthias die Betreuerin seines Bruders kennenlernt und sich in sie verliebt. Marta allerdings nimmt ihn zunächst nicht wahr. Erst als sie sich Jahre später an einer Berliner Universität wiedertreffen, kommt Matthias seiner Jugendliebe nahe. Sie führt ihn in Studentenkreise ein, die einer radikalen Gruppierung angehören. Matthias lässt sich auf Marta und ihre Überzeugungen ein, ignoriert Vorzeichen und widerstreitende Gefühle. Was Martas Absichten sind, wird ihm erst klar, als es zu spät ist.

Auch wenn sie eng miteinander verbunden sind, haben sich für mich 3 Handlungsstränge ergeben, die jeder für sich Stoff zumindest für eine Kurzgeschichte sein können.

Da ist zum einen die „Liebesgeschichte“ zwischen Matthias und Marta, welche letztlich auch der rote Faden der Geschichte ist und das Leben von Matthias deutlich bestimmt und prägt. Seine anfangs noch kindliche Verliebtheit verwandelt sich zunehmend in eine Besessenheit, mit der er sich gleichsam in eine oft nicht nachvollziehbare Unterwürfigkeit ergibt. Bis zum Schluss bleibt die Frage, ob Marta überhaupt Liebe für ihn empfindet oder nur mit ihm spielt. Nicht nur einmal war ich von diesem devoten und oft auch naiven Verhalten bei Matthias genervt, bis dahin, dass so ein Verhalten unglaubwürdig erscheint, jedoch zeigt sich in der Realität öfters eine Rollenverteilung in dieser Art.

Zweiter Handlungsstrang die Behinderung des Bruders von Matthias, deren Ursache anfangs nicht erkennbar und irgendwie als gegeben hingenommen, im weiteren Verlauf sich als Folge eines tragischen Umstandes herausstellt, für den sich Matthias schuldig fühlt. Sein Kampf zwischen Zuneigung und Abneigung, Zuwendung und Distanz ist als Außenstehender sehr gut nachvollziehbar. Da ich beruflich mit Menschen mit geistiger Behinderung zu tun habe, war mir dieser Teil natürlich besonders nah und vertraut. Im weiteren Verlauf der Geschichte werden dann die grausamen Praktiken und Experimente angedeutet, die früher an „Schwachsinnigen“ durchgeführt wurden und von denen ich durch Erzählungen älterer Menschen, die ich begleitet habe, schon im Vorfeld wusste und die mich immer wieder fassungslos und wütend machen. Leider ist es hier bei einem Andeuten geblieben, wo ich mir mehr Aufdeckung gewünscht hätte. Immerhin sorgt es bei Matthias für einen anderen Blick auf einem ihm sehr verbundenen Menschen als er erfährt, dass dieser an solchen „Untersuchungen“ beteiligt gewesen ist. Letztlich bringt ihn dieses Wissen sogar in einen moralischen Konflikt…und mich als Leser ebenso.

Als dritter Handlungsstrang dann die Verstrickungen von Marta in einer radikalen Gruppierung, welche erst viel später im Buch in ihrem ganzen Ausmaß deutlich werden. Wer sich ein wenig in der deutschen Geschichte auskennt, wird schnell den Bezug zur RAF (Rote Armee Fraktion) finden. Da auch ich mein Gedächtnis ein wenig auffrischen musste, hier ein kurzer Geschichtsflash:

RAF

1970 gründete sich die RAF, nach der Befreiung von Andreas Baader aus der Haft, und löste sich 1998 – nach 28 Jahren – selbst auf. Die verschiedenen Terroristen der RAF, die in drei Generationen unterteilt werden, sind für 34 Morde, zahlreiche Banküberfälle und Sprengstoffattentate verantwortlich. Das Kapitel RAF ist eine Ausnahme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gewesen; weder davor noch danach hat es eine größere Herausforderung der politischen Ordnung gegeben. Für die Bundesrepublik war der Kampf gegen die Terroristen eine harte Belastungsprobe, die sie bis heute prägt. Noch immer sorgt die Rote Armee Fraktion für kontroverse Debatten, etwa um vorzeitige Haftentlassungen ehemaliger RAF-Terroristen oder der Inanspruchnahme der RAF durch die Kunst und Pop-Kultur. 30 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“findet auch die andere Geschichte der RAF endlich Gehör – erzählt aus der Perspektive der Opfer. (Quellen Text und Bild : Bundeszentrale für politische Bildung http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/geschichte-der-raf/ )

Das macht es umso deutlicher, an welch brisante Geschehnisse sich Michael Wildenhain heranwagt. Allein aufgrund der Seitenzahl kann das wirklich nur ein an der Oberfläche Kratzen und Hinweisen sein. Zudem versucht er sich mit Hilfe der Beziehung von Matthias zu Marta an einer Persönlichkeitsstudie der Personen, die für so viel Leid verantwortlich gewesen sind: Was hat diese Menschen angetrieben, was waren ihre Gedanken und woher kommt diese Brutalität

Marta packt die Katze mit einer Hand am Kopf und mit der anderen unterhalb des Nackens. Das Tier gibt keinen Laut von sich. Aus der Wunde am Rücken schmiert Blut über Martas länglichen Nabel. De Nabel meiner Mutter ist rund und verschwindet unter den Falten des Fetts. Marta bricht der Katze das Genick.

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Soviel sei verraten, dieses war nicht nur ein Akt der Gnade, sondern soll darauf vorbereiten, wozu Marta noch fähig ist. Bis zum Schluss bleibt Marta dennoch auch ein Rätsel für mich, da sie trotz aller Dominanz und Skrupellosigkeit diesen besonderen Zugang zu dem Bruder von Matthias aufgebaut hat und sich so wie niemand anders um ihn kümmert. Gerne hätte ich noch mehr über ihre Biografie erfahren.

Erzählt wird die Handlung bis auf die Einführung aus der Ich-Perspektive von Matthias, sodass man als Leser sozusagen aus erster Hand seine Gedanken und Gefühle miterleben darf. Als Stilmittel setzt der Autor sehr oft stark verschachtelte Sätze ein, die mich beim Lesen durchaus gefordert haben und deren Aufdeckungen ihres Inhalts manchmal einer Codeentschlüsselung ähnlich gewesen sind.

Fazit:

Es ist auf jeden Fall ein gutes Buch und es hat mich wirklich fesseln können. Wirken die verschachtelten Sätze oft auch hinderlich und zwingen einen manches Mal, den Satz noch einmal zu lesen, so haben sie zumindest bei mir dafür gesorgt, dass ich den Text sehr intensiv verinnerlichen konnte und auch bei einer längeren Lesepause nicht den Bezug verloren habe. Gefallen hat mir auch, dass der Autor eine turbulente und schwierige Phase der deutschen Geschichte rund um den Terror der RAF mit Hilfe eines privaten Schicksals zu vermittelt versucht. Dieses ist ihm bei mir auch ansatzweise gelungen, allerdings fehlte mir dann doch einiges an Informationen, die dieses Vorhaben zu einem Erfolg geführt hätten. Auch die Umstände rund um die Behinderung des Bruders hätte ich mir ausführlicher gewünscht, da hier die dramatischen und grausamen Experimente mit Menschen zwar angedeutet, letztlich aber viel zu oberflächlich behandelt werden und den Leser mit Fragen zurücklassen. 100 Seiten mehr hätten diesem Buch vielleicht gut getan.
So gibt es eine eindeutige Leseempfehlung von mir.

Als Träger eines Buchpreises sehe ich persönlich dieses Werk trotz des großen Potentials aber nicht.

Über den Autor

Michael Wildenhain ist 1958 in Berlin geboren, wo er auch heute lebt. Nach einem Wirtschaftsingenieur- und Philosophiestudium engagierte er sich in der Hausbesetzerszene – Stoff u. a. für seine ersten literarischen Veröffentlichungen: »Die kalte Haut der Stadt«, »Heimlich, still und leise« , »Erste Liebe Deutscher Herbst«. Wildenhain schrieb mehrere Theaterstücke. Mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Ernst-Willner-Preis, dem Stipendium der Villa Massimo sowie dem London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Zuletzt sind von ihm die Romane »Russisch Brot« und »Träumer des Absoluten« erschienen, zudem ein Auswahlband seiner Theaterstücke.

Das Lächeln der Alligatoren, Michael Wildenhain, erschienen im Klett-Cotta Verlag

2015 / gebunden mit Schutzumschlag / 242 Seiten

ISBN 13: 978-3-608-93973-6
Print: € 19,99 [D]* / eBook: € 15,99 [D]* Preis zum Zeitpunkt der Rezension
Quelle Coverbild und Autorenbeschreibung: © Website Klett-Cotta Verlag, mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Buch Zitate: © Michael Wildenhain

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Ein Gedanke zu “{Rezension} Michael Wildenhain – Das Lächeln der Alligatoren

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